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Interview

Ein Gespräch zwischen Prof. Alexander Nicholas und Dr. Wolfgang von Heymann

 

In diesem Interview zwischen Prof. Alexander Nicholas (AN) und Dr. Wolfgang von Heymann (WvH) geht es um die Bedeutung der Erkenntnisse von Nerven und Gefäßen in den Suturen des Schädels für die kraniale Osteopathie, geführt am 30.09.2016 (in englischer Sprache, Übertragung WvH)

Bezug: 2 Artikel über Ergebnisse neuroanatomischer Forschung an der Universität Erlangen:

Schueler M, Messlinger K, Dux M, Neuhuber WL, De Col R (2013) Extracranial projections of meningeal afferents and their impact on meningeal nociception and headache. PAIN 154: 1622–31; PMID: 23707274 DOI: 10.1016/j.pain.2013.04.040

Schueler M, Neuhuber WL, De Col R, Messlinger K (2014) Innervation of rat and human dura mater and pericranial tissues in the parieto-temporal region by meningeal afferents. Headache 54: 996-1009; PMID: 24673461 DOI: 10.1111/head.12371

WvH: Welche Bedeutung haben die in den beiden Artikeln publizierten anatomisch-neurophysiologischen Forschungsergebnisse auf das Modell der „Osteopathie am Schädel“?

AN: Diese beiden Artikel haben mich sofort sehr begeistert und mein Modell der Möglichkeiten kranialer Osteopathie voll bestätigt. Ich habe sie in unserem Journal-Club vorstellen lassen und die Ergebnisse werden nunmehr in jedem Jahrgang des PCOM unterrichtet. 

WvH: Die auch beim Menschen nachgewiesenen extra- und intrakraniellen Verbindungen mit den rezeptiven nozizeptiven und inhibitorischen Feldern lassen sich nutzen, um über tiefsomatische Afferenzen im Sinne einer myofaszialen Technik bestimmte Formen von meningeal ausgelöstem Kopfschmerz zu beeinflussen. In den Versuchen ließen sich mit extrakraniell appliziertem Capsaicin intrakraniell CGRP Ausschüttungen erreichen, wie auch durch Lokalanästhetika wieder rückgängig machen. Dies wäre doch eine robuste wissenschaftliche Erklärung für die empirischen Erfolge der „Osteopathie am Schädel“.

AN: Dies entspricht vollständig meinem Konzept der Wirkungsweise kranialer Osteopathie – über die durch die Suturen verlaufenden Nerven erreichen wir einen inhibitorischen Input auf die intrakraniellen Strukturen; dies ist die myofasziale Komponente. Außerdem erreichen wir eine Veränderung der Flüssigkeiten – ob Lymphe oder venöser Rückstau sei dahingestellt. In jedem Fall hat die Drainage der Flüssigkeiten über die Suturen auch eine schmerzmindernde Wirkung. Selbst wenn ich von anderen Osteopathie-Ordinarien immer wieder angezweifelt werde, so ist dies nach den genannten Forschungsergebnissen das konsistenteste Modell für eine erfolgreiche kraniale Osteopathie. Mehrfach habe ich diese Kritiker wegen starker Kopfschmerzen erfolgreich behandelt. Sie meinten danach, ich verwende ja doch „kraniale“ Techniken. Natürlich wende ich osteopathische Techniken am Schädel und am zerviko-okzipitalen Übergang an – eben myofasziale. Wenn z. B. viele Menschen durch eine konstante Schiefhaltung des Kopfes in eine störende Asymmetrie aller myofaszialen Strukturen kommen, so kann sich daraus durchaus eine somatische Dysfunktion am Schädel mit Kopfschmerz ergeben. Hier können wir die faszialen Restriktionen entlasten, die Asymmetrie beseitigen und die Flüssigkeiten ausgleichen. Das hat nichts mit einer „Manipulation der Suturen“ zu tun, wie in einem anderen Modell postuliert wird. Eine solche Beeinflussung der Suturen erscheint mir nicht möglich. Der manuelle Eingriff beschränkt sich auf die tiefsomatischen myofaszialen Strukturen, die dann über ihre durch die Suturen verlaufenden Nerven eine Einwirkung auf die intrakranielle Situation ausüben. Insofern sind wir sehr froh über diese Forschungsergebnisse, die viele empirische Beobachtungen schlüssig erklären und wissenschaftlich belegen.   

WvH: Auch ich begrüße es sehr, wenn es statt der nicht nachweisbaren Bewegung der Suturen nun ein neuro-anatomisches, wissenschaftlich belegtes Modell für die Wirkungsweise manueller Techniken am Schädel gibt. Vielen Dank für das kurze Gespräch.